PHARMAINFORMATION UNABHÄNGIGE INFORMATION FÜR ÄRZTE
BEGRÜNDET VON DER ÄRZTEKAMMER FÜR TIROL IM JAHRE 1986 unter Präsident OMR Dr.J.M. Kapferer.
Verleger, Medieninhaber: Verlag der Österreichischen Ärztekammer, 1010 Wien, Weihburggasse 9.
Herausgeber: Gerhard Bauer (Neurologie), Christian Marth (Frauenheilkunde), Christian Prior (Innere Medizin), Hans Winkler (Pharmakologie) und Christian Wiedermann (Innere Medizin): Medizinische Fakultät der Universität Innsbruck; Wolfgang Schütz (Pharmakologie) und Irene Virgolini (Nuklearmedizin): Medizinische Fakultät der Universität Wien; Ekkehard Beubler (Pharmakologie): Medizinische Fakultät der Universität Graz.
Für den Inhalt verantwortlich und Korrespondenzadresse: Hans Winkler, Institut für Pharmakologie, Peter-Mayr-Straße 1a, A-6020 Innsbruck.
| Druck: Agens-Werk Geyer + Reisser, A-1050 Wien.
Erscheint vierteljährlich (März, Juni, September, Dezember). Auflage: 33.000. Internet: http://www.uibk.ac.at/c/c5/c515/pharmainfo.html |
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Jahrgang 17/ Nr. 1 Innsbruck März 2002
Ein paar Punkte zur Erinnerung: Die Pharmainformation ist über das Internet (siehe oben) abrufbar und das dort angebotene Suchprogramm erlaubt, jedes Stichwort (z.B. Substanzen) in früheren Texten zu finden.
Die Artikel der Pharmainformation werden von allen Herausgebern kritisch durchgesehen, diskutiert und redigiert. Wenn Artikel primär von einem Herausgeber verfasst wurden, werden sie ohne Namensangabe publiziert. Externe Autoren werden namentlich erwähnt. Alle Autoren und die Herausgeber arbeiten ohne finanzielle Entschädigung.
Wir bedanken uns für bisherige Zuschriften, die die unabhängige und kritische Position der Pharmainfo anerkennen. Wir nehmen aber auch gerne Kritikpunkte entgegen, die zur Verbesserung führen können und sind gerne bereit, auf Anfragen beüglich aktueller Themen einzugehen. So werden wir das nächste Mal eine Anfrage bezüglich PC-SPES beim Prostatakarzinom besprechen.
Antikonzeptive Pillen der 3. Generation: Vor mehr als
einem halben Jahr (28. Sept. 2001) hat die europäische
Zulassungsbehörde in London festgestellt, dass
Pillen der 3. Generation ein höheres Thromboserisiko
als solche der 2. Generation haben (http://www.emea.eu.int).
Wie wurde auf diese Entscheidung reagiert? Neben einigen
kritischen Stimmen mit zustimmenden Kommentaren war
generell eine gewisse Tendenz zu sehen, diese Daten
herunterzuspielen, zu relativieren, oder als veraltet
darzustellen. Tatsächlich hat die europäische
Behörde sehr lange gebraucht, um zu einer wissenschaftlich
fundierten Entscheidung zu kommen. Bei der Frage, welche
Pille genommen wird, sind enorme finanzielle Interessen
involviert. Schon aus diesem Grunde war es fast unmöglich,
rasch eine unabhängige wissenschaftliche Entscheidung
zu erzielen.
Dies ist aber jetzt durch die kompetente europäische
Behörde geschehen. Keine der Reaktionen der letzten
Monate hat an den wesentlichen Fakten etwas geändert
und sie seien daher nach dieser "Evaluationsphase"
noch einmal dargestellt: auf hunderttausend Frauenjahre
(hunderttausend Frauen im Alter von 15-44 Jahren, die
für ein Jahr die Pille nehmen) kommen 5-10 spontane
Fälle von venösen Thromboembolien. Im Rahmen
der Schwangerschaft sind es 60 Fälle. Für
die Pille, und das ist wichtig festzustellen, sind
die Werte auf jeden Fall niederer als bei Schwangerschaft,
liegen aber über dem Niveau der spontanen Rate.
Für Pillen der 2. Generation (mit Levonorgestrel:
Microgynon, Neogynon, Neo-Stediril, Ovranette, Perikursal,
Sequilar, Stediril D, Trigynon, Trinordiol) sind es
20 Fälle (einschließlich der spontanen),
für die der 3. Generation (Desogestrel: Gracial,
Marvelon, Mercilon, Gestoden: Gynovin, Harmonette,
Meliane, Minesse, Minulet, Mirelle, Tri-Minulet, Triodena)
30-40 Fälle (unabhängig davon, ob als Östrogen
20 oder 30 mg Ethinylestradiol enthalten ist). Lungenembolien
machen ca. 10% der venösen Thromboembolien aus,
tödlich verlaufen 1%. Das heißt, auf 1 Mio(!)
Frauenjahre sind durch die Pille der 2. Generation
im Durchschnitt 3 Embolie-Todesfälle, durch die
der 3. Generation 4,5 bis 6 Todesfälle zu erwarten
(bei Erstverschreibung sogar bis zu 9 Fälle: BMJ
323,1,2001). Da jede 3. Frau im gebärfähigen
Alter in Österreich eine Pille der 3. Generation
nimmt (ÖAZ 20. Okt. 2001, S.38), sind wir bei
1 Mio Frauenjahren (1 Million Frauen, die das Medikament
für ein Jahr einnehmen) in der österreichischen
Dimension.
Das sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse; welche
Konsequenzen ergeben sich? Die heutigen Pillen haben
nur mehr ein geringes Thromboserisiko. Da Thrombosefälle
vor allem am Beginn der Medikation auftreten, ist es
nicht zwingend, eine bereits etablierte Einnahme einer
Pille der 3. Generation zu ändern.
Bei einer Erstverschreibung könnte man sagen, die
Unterschiede zwischen 2. und 3. Generation bei Verschreibung
der Pille der 3. Generation, sind doch gering und vielleicht
vernachlässigbar. Zwei bis sechs zusätzliche
Todesfälle z.B. für Österreich können
als kleiner statistischer Unterschied betrachtet werden.
Für Betroffene lässt jedoch jeder zusätzliche
Todesfall die Statistik anders erscheinen. Damit die
letzte Frage: Gibt es zwingende Gründe, die für
eine Neuverschreibung von Pillen der 3. Generation
sprechen und die damit das erhöhte Risiko an venösen
Thromboembolien und tödlichen Lungenembolien rechtfertigen?
Wir sehen diese Gründe, zumindest generell gesehen
(im Einzelfall kann es solche geben), nach wie vor
nicht.
Generika für Terfenadin: Die Antihistaminika Terfenadin
(früher als Triludan registriert) und Astemizol
(früher Hismanal) wurden von der Produktionsfirma
schon vor einiger Zeit vom Markt genommen. Der wesentliche
Grund war, dass diese Präparate zu QT-Verlängerung
am Herzen und damit zu Rhythmusstörungen führten.
Mehrere Todesfälle wurden diesen Medikamenten
als Folge dieser Wirkung zugeschrieben. Allerdings
war es schwierig, epidemiologisch eine genaue Kausalität
sicherzustellen. Es war daher begrüßenswert,
dass die Firmen trotzdem diese Präparate, sozusagen
"im Zweifel für den/die Patienten/in entscheidend",
vom Markt nahmen, zumal alternative Präparate
verfügbar sind. Nun ergibt sich die groteske Situation,
dass Generika-Firmen Terfenadin in Österreich
als Generika bereits registriert haben. Da aufgrund
der nicht zwingenden Risikodaten kein behördlicher
oder europäischer Beschluss über Marktrücknahme
vorliegt, ist dies gesetzlich möglich. Trotzdem
ist zu hoffen, dass die Generika-Firmen auf eine Vermarktung
verzichten. Wenn dies nicht geschehen sollte, muss
man diesen Firmen vorwerfen, dass sie weniger auf ein
Patientenrisiko Rücksicht nehmen, als dies die
ursprünglichen Firmen getan haben. Vor einer Verwendung
von Terfenadin-Generika sei schon jetzt vorsorglich
gewarnt.
Die verlässlichste und risikofreie Methode Gewicht
zu verlieren, ist die Einhaltung einer vernünftigen
Diät, zusammen mit ausreichender körperlicher
Aktivität. Realistischerweise muss man aber zugeben,
dass für viele adipöse Patienten/innen eine
zusätzliche Gabe von Appetitzüglern zweckentsprechend
wäre, um den Risikofaktor Adipositas auszuschalten
oder zumindest zu reduzieren.
Aber erst in den letzten Jahren scheint es gelungen,
Altlasten (Amphetamin-Abkömmlinge) unter diesen
Appetitzüglern vom Markt zu bringen und neue Präparate
mit positiv erscheinendem Risiko/Nutzen-Verhältnis
zu entwickeln.
Entsprechend einer europäischen Entscheidung über
das negative Risiko/Nutzen- Verhältnis wurden
in Österreich die Amphetamin-Abkömmlinge
Amfepramon (Regenon) und Phentermin (Adipex, Mirapront)
bereits 1999 vom Markt genommen. In der Zwischenzeit
wurde die einstweilige Verfügung, die die Firma
beim Europäischen Gerichtshof gegen die europäische
Marktrücknahme erreichte, aufgehoben, und diese
Präparate sind nun europaweit vom Markt. Es ist
zu hoffen, dass die Firmen nicht weiter auf dem Rechtsweg
versuchen, wissenschaftliche Entscheidungen zu bekämpfen.
Wie berechtigt die Marktrücknahme dieser Amphetamin-Abkömmlinge
ist, zeigt eine kürzlich erfolgte Meldung der
WHO (1), die von "widespread abuse and illicit
traffic" von Amfepramon spricht. Es sei daran
erinnert, dass in Österreich ein weiterer Amphetamin-Abkömmling,
nämlich Phendimetrazin (Antapentan), wegen Missbrauch
in der Suchtszene bereits 1992 vom Markt genommen werden
musste. In anderen Ländern ist dies erst jetzt
erfolgt.
Die neue Substanz Orlistat (Xenical) haben wir in der
Pharmainfo XIV/1/1999 besprochen. Diese Substanz besitzt
ein völlig neuartiges Wirkprinzip, sie reduziert
über eine Hemmung gastrointestinaler Lipase die
Fettresorption. Eine effektive und länger dauernde
Gewichtsreduktion (mehr als 5-10% des Körpergewichtes)
wird in einer Subgruppe von Patienten/innen (>10%
des Gewichtes bei 20,2% der Patienten/innen versus
8,3% mit Placebo) erreicht. Dafür müssen
insbesondere ölige Stühle und ungewollte
Fett- und Faecesdurchtritte (Inkontinenz) in Kauf genommen
werden. Für die Subgruppe der Übergewichtigen
(1), bei denen eine signifikante Gewichtsreduktion
eintritt und über 3 Monate erhalten wird, aber
eben nur für diese, ist für eine Dauertherapie
derzeit ein positives Risiko/Nutzen-Verhältnis
zu sehen. Ein möglicher Langzeitnutzen, z.B. bezüglich
Mortalität, ist noch nicht belegt.
Literatur:
(1)WHO Drug Information 14,223,2000
(2)Drugs 56,1093,1998
(3)Obesity Res 7,189,1999
(4)Am J Med 106,179,1999
(5)Lancet 356,2119,2000
Zur Therapie der funktionellen Dyspepsie
Funktionelle Dyspepsie (functional oder non-ulcer dyspepsia),
gekennzeichnet durch Schmerzen und Unwohlsein im oberen
Bauchraum, ist ein häufiges Leiden (bis 25% der
Bevölkerung: 1). Die Pathophysiologie ist unklar,
das Leiden bleibt diagnostisch übrig, wenn verschiedene
Ursachen wie Gastritis, Ulcera, gastro-oesophagealer
Reflux und Erkrankungen der Gallenwege und des Pankreas
ausgeschlossen werden können. Psychosomatische
Komponenten dürften wichtig sein, dementsprechend
sind auch hohe Placebo-Heilungsraten (bis zu 60%: 1)
typisch.
Für die Auswahl der Therapie erscheint eine Einteilung
der funktionellen Dyspepsie in Fälle mit Ulcus-ähnlicher
Symptomatik (Schmerzen im Oberbauch als Symptom dominierend)
oder solche mit Motilitätsstörung (Völlegefühl,
frühe Sättigung, Übelkeit als Kardinalsymptome)
interessant (2).
Zusammenfassung: Offensichtlich ist eine medikamentöse
Therapie von funktioneller Dyspepsie unbefriedigend,
wenn man nicht einen bis zu 60% Placeboresponse schon
als Erfolg ansehen will. Darüber hinaus kann bei
Patienten, bei denen der Schmerz im Vordergrund steht,
eine Therapie mit H2-Antagonisten oder Protonenpumpenblockern
versucht werden, bei Völlegefühl und Nausea
im Vordergrund eine mit Prokinetika, d.h. mit Metoclopramid
(Paspertin, Gastrosil, Metogastron) oder Domperidon
(Motilium). Cisaprid (Prepulsid) ist aufgrund lebensgefährlicher
Nebenwirkungen (cardiovaskuläre Todesfälle)
nicht zu vertreten. Ein Eradikationsversuch des Helicobacters
ist nicht zu empfehlen.
Die Beratung der Patienten/innen über eine subjektive
Auseinandersetzung mit der Erkrankung und dem Erkennen
von Maßnahmen (Stressabbau, Ernährung etc.),
um diese zu reduzieren, dürfte wohl vielleicht
auch zusammen mit einem Placebo die effizienteste Methode
sein, diese Erkrankung in den Griff zu bekommen. Schon
die Zusicherung, dass dem Leiden keine gefährlichen
Störungen zugrunde liegen, kann "heilende"
Wirkung haben. Wenn das nicht ausreicht, ist eine verstärkte
psychosomatische Therapie in Erwägung zu ziehen.
Literatur:
(1)Drugs 45,918,1993
(2)J Clin Gastrointestinal 32,286,2001
(3)NEJM 341,1106,1999
(4)NEJM 339,1869,1998
(5)BMJ 321,659,2000
(6)Arch Int Med 134,366,2001
(7)Cochrane Database Syst Rev 2,2000
(8)Am J Gastroenterol 95,2777,2000
(9)Am J Gastroenterol 96,689,2001
(10)Gastroenterology 119,661,2000
Extrakte aus tierischem und menschlichem Gewebe
Die Verwendung solcher Stoffe hat eine lange Tradition.
So finden sich in Museen von alten Apotheken noch ägyptische
Mumienteile, die verrieben als Medikamente verwendet
wurden, und natürlich alle möglichen Präparate
aus dem Tierreich ("Animalia": z.B. Penis
des Wales: siehe 1). In unserer Zeit gab es eine Phase,
wo man Frischzellextrakte (z.B. von Schafembryonen)
injizierte, denen alle möglichen positiven Effekte
zugeschrieben wurden. Aufgrund von Todesfällen
durch anaphylaktische Reaktionen wurden diese dann
endlich verboten (Pharmainfo III/1/1988). Diesen Therapien
lag sicherlich auch die Idee zugrunde, dass in menschlichem
und tierischem Gewebe wichtige, auch gesundheitsfördernde
Wirkstoffe vorhanden sind. Eine rationale Entwicklung
dieses Konzeptes war die Reinigung von Hormonen und
Wirkstoffen, wie z.B. von Insulin und vielen anderen.
Damit wurde ein wichtiger therapeutischer Fortschritt
erreicht. Aber auch ein negatives Beispiel hat es hier
mit dem menschlichen Wachstumshormon gegeben, das bei
Kindern zur Übertragung des Jakob-Creutzfeld-Erregers
geführt hat (im Jahre 1991 waren 16 Fälle
beschrieben: 1a). Für Eiweißstoffe löst
heute die Gentechnologie viele Probleme: Es können
die humanen Sequenzen erzeugt werden, es können
diese Peptide in großen Mengen hergestellt werden
und es gibt kein Risiko der Übertragung menschlicher
Erkrankungen. Natürlich müssen allerdings
auch bei dieser Methode alle Risiken überprüft
werden.
Neben dieser positiven Entwicklung gibt es aber noch
Restbestände der alten "Animalia"-Therapie.
Ein Beispiel war ein Prostataextrakt (Raveron), der
bei Prostatahypertrophie injiziert wurde, und erst
vor kurzem vom Markt verschwunden ist.
In der Pharmainfo (VI/2/1991; XV/4/2000) haben wir einen
Extrakt aus Schweinehirn (Cerebrolysin, Cerebrotonin)
diskutiert. Die Zusammensetzung dieses Stoffes ist
unklar, auch wenn er einzelne Neuropeptide enthalten
soll. Die Vorstellung, dass ein solcher Extrakt bei
Alzheimer-Erkrankung eine nützliche Wirkung entfalten
soll, ist nicht weit von alten Animalia-Konzepten entfernt.
Man weiß ja heute doch sehr viel über die
Pathogenese dieser Erkrankung, bei der z.B. Störungen
in der Produktion, Spaltung und Ablagerung von spezifischen
Eiweißen, den Amyloid-Peptiden, im Vordergrund
stehen. Nur spezifische Eingriffe werden hier den therapeutischen
Durchbruch bringen. Tatsächlich gibt es keine
überzeugenden Daten (siehe Pharmainfo XV/4/2000),
die die Wirkung von Cerebrolysin belegen.
Weitere Präparate aus dem Tierreich sind eiweißfreie
Hämodialysate aus Kälberblut (Solcoseryl,
Actovegin), die kleinere Moleküle (unter 5000
Molekulargewicht), also Peptide, Aminosäuren,
Nukleotide u.a. enthalten dürften, die, wie es
in der Fachinformation von Solcoseryl heißt,
"nur zum Teil chemisch und pharmakologisch charakterisiert
sind". Bei einer solchen Sachlage kann natürlich
das Präparat auch nicht auf irgendeinen Wirkstoff
standardisiert werden.
Für Solcoseryl sind die Indikationen periphere
Durchblutungsstörungen, zerebrale Durchblutungsstörungen
und Wundheilungsstörungen. Wir haben die Firma
um Literaturbelege für diese Indikationen gebeten,
um sicherzugehen, dass wir zumindest die wichtigsten
positiven Arbeiten erhalten. Mehrere der zur Verfügung
gestellten Arbeiten (wie Studien aus Saudi Arabien
und Kuweit) waren nicht zu verwerten, da sie keine
klinischen Daten enthielten oder nicht doppelblind
durchgeführt wurden. Von der für Actovegin
zuständigen Firma (offensichtlich identes Präparat)
erhielten wir trotz Aufforderung keine Unterlagen.
Für periphere Durchblutungsstörungen lagen
zwei Studien vor. In der einen wird ohne statistische
Auswertung über Verbesserung von Schmerz und Änderung
einiger biochemischer Parameter berichtet (2). Eine
weitere Studie (3) berichtet zwar über signifikante
Unterschiede zwischen Verum und Placebo (3 Wochen Behandlung),
wenn nach Respondern analysiert wird. Die Mittelwerte
der schmerzfreien Gehstrecke ändern sich aber
für Placebo von 99 auf 147 m und für Verum
von 102 auf 169 m und die maximale Gehstrecke für
Placebo von 142 auf 206 m und für Verum von 155
auf 235 m. Da keine Statistik präsentiert wird,
sind dies offensichtlich keine signifikanten Unterschiede.
Auf jeden Fall ist die klinische Relevanz geringer
Änderungen der Wegstrecke bei Claudicatio intermittens
umstritten. Was verbleibt dem/der Patienten/in z.B.
als Dauereffekt nach der 3-wöchigen Behandlung
mit Infusionen?
Für Wundheilungsstörungen lagen zwei Arbeiten
vor. In einer Studie (4) wurden 16 Patienten/innen
mit Dekubitus einbezogen. Am Schluss verblieben nur
5 für Verum und 3 für Placebo. Offensichtlich
eine nicht zu bewertende Studie. Eine zweite Arbeit
(5) berichtet über Behandlung von venösen
Beinulcera - sowohl relevant für Durchblutungsstörungen
als auch Wundheilung. Es wurde eine Placebo-Behandlung
mit Salbe, Infusion oder beides zusammen untersucht.
Für die kombinierte Behandlung wurden signifikante
Unterschiede gesehen, wenn man einzelne Subgruppen
zusammenrechnet. Weder für Salbe noch Infusion
allein wurde ein Effekt belegt. Die klinische Relevanz
solcher Daten ist unklar.
Für die Indikation zerebrale Durchblutungsstörungen
lag nur eine Arbeit vor. Diese berichtet (6) über
einen Effekt von Solcoseryl auf das EEG bei akuten
zerebralen Hämatomen. Die Präsentation der
Daten erlaubt keine nachvollziehbare Bewertung.
Zusammenfassung: Die diskutierten Präparate (Cerebrolysin, Cerebrotonin, Actovegin, Solcoseryl) sind von nicht definierter Zusammensetzung. Die klinischen Daten sind offensichtlich unzureichend, um eine Wirksamkeit zu belegen. Sie können zu anaphylaktischen Reaktionen bis zum Schock führen. Es ist nie auszuschließen, dass bei Injektion von solchen Präparaten neu auftretende und bisher unbekannte Stoffe aus Gehirn und Blut, die für den Menschen ein Risiko bilden, zu einem Problem werden können (siehe die Erfahrungen mit der Bovinen Spongiformen Encephalopathie: BSE). Ist es nicht an der Zeit, den österreichischen Arzneimittelmarkt, der verglichen mit anderen Ländern Europas gar kein schlechtes Niveau hat, von "Animalia" dieser Art zu befreien?
Literatur:
(1)L. Winkler: Pharmakozoologie: Hdb. d. Pharmakognosie,
Tauchnitz, Leipzig, 1931
(1a)BMJ 302,824,1991
(2)Angiology 44,471,1993
(3)Int J Angiol 2,167,1994
(4)Curr Ther Res 32,498,1982
(5)VASA 14,383,1985
(6)New Trends Clin Neuropharm V,147,1991