PHARMAINFORMATION
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HERAUSGEBER UND VERLEGER: Univ.-Prof. Dr. G. Bauer (Neurologie), Univ.-Prof. Dr. H. Huber (Innere Medizin), Univ.-Doz. Dr. G. Schuler (Dermatologie) und Univ.-Prof. DDr. H. Winkler (Pharmakologie): Medizinische Fakultät der Universität Innsbruck. Für den Inhalt verantwortlich und Korrespondenzadresse: Univ.-Prof. DDr. Hans Winkler, Institut für Pharmakologie, Peter-Mayr-Straße 1a, 6020 Innsbruck. Druck: OffsetBuchdruckGassler, Anton-Melzer-Straße 7, 6020 Innsbruck
Jahrgang 2, Nummer 3, Innsbruck, Juni 1987
INHALT
Analgetica, Antipyretica, Antiphlogistica
Wir haben bereits die Salizylate, Phenazetin, Paracetamol
und die Pyrazolderivate besprochen. Wir werden nun
weitere, nicht steroidale Antirheumatica (NSA), die,
wie der Namen schon sagt, vor allem als Entzündungshemmer,
aber auch wegen ihrer analgetischen Wirkung relevant
sind, besprechen. Wir werden die einzelnen Gruppen,
nach ihrer Chemie eingeteilt, behandeln (1, 2). Dabei
wird sich zeigen, daß sehr viele Präparate
geringfügige Modifikationen der gleichen chemischen
Struktur darstellen. Um eine Übersicht zu gewinnen,
möchten wir vor allem Gemeinsamkeiten betonen,
dann aber auch mögliche Unterscheidungsmerkmale
hervorheben, um zu einer Risiko-Nutzen-Abwägung
beizutragen. Die quantitative Bedeutung dieser Mittel
ist dadurch belegt, daß z. B. 1985 eines dieser
Präparate für die Sozialversicherung in Österreich
bei einer Million Verordnungen Kosten von 180 Mio.
S bedeutet hat.
Allen diesen Mitteln gemeinsam ist die Hemmung der Prostaglandinsynthese
(siehe Pharmainformation 2/1) als wohl wesentlicher
Teil ihrer Wirkung. Im Tierversuch ist ihre antiphlogistische
Wirkung leicht nachweisbar (z. B. Hemmung von chemisch
ausgelösten Ödemen oder von Entzündungsreaktionen).
Am Menschen sind ihre Wirkungen durch zahlreiche Studien,
insbesondere auch, was gerade bei schmerzhaften rheumatischen
Erkrankungen wichtig ist, durch Doppelblindstudien
belegt, wobei hier versucht wird, Parameter wie Vorliegen
entzündeter Gelenke, Morgensteifigkeit, Änderung
der Greifkraft und ähnliches objektiv zu messen.
Schlüssige Vergleiche der Substanzen untereinander
bezüglich Wirkung und Nebenwirkung sind aufgrund
dieser Studien nicht immer leicht, da oft unterschiedliche
Kriterien verwendet werden. Zum Beispiel schließen
Anfangsstudien oft sehr viele leichte Fälle ein,
so daß bei niederen Dosen eine gute Wirkung mit
wenig Nebenwirkungen demonstriert werden kann, oder
eine Substanz wird, je nachdem, was man betonen will,
mit höheren Dosen (mehr Nebenwirkungen) oder niederen
Dosen (weniger Wirkung) anderer Substanzen verglichen
(3). Einzelne Studien in diesem schwierigen Gebiet
sagen daher wenig aus, sondern nur viele Studien gepaart
mit langjähriger klinischer Erfahrung sind relevant.
NSA hemmen Symptome wie Schmerzen und Entzündungsreaktionen,
dürften aber eher nicht den Krankheitsverlauf
beeinflussen (3), obwohl es dazu keine Studien gibt
und wohl auch geben kann, die dies ausschließen.
Propionsäurederivate
Diese Gruppe begann 1969 mit Ibuprofen und hat sich
inzwischen stark ausgeweitet. In Österreich sind
registriert und lieferbar: (Ibuprofen (Brufen), Fenbufen
(Lederfen), Flurbiprofen (Froben), Ketoprofen (Profenid),
Naproxen (Proxen), Tiaprofensäure (Surgamyl).
Wirkung: Mittelstark wirksame Antiphlogistica. Unterschiede
ergeben sich am ehesten aus der Kinetik mit Ibuprofen
und anderen mit einer relativ kurzen Halbwertszeit
(2 Stunden), am anderen Ende Naproxen mit 12 Stunden
(4).
Nebenwirkungen: Generelle NSA-Nebenwirkungen (siehe
unten), Hör- und Sehstörungen, Östeme,
vereinzelt Agranulozytosen (2). Das zu dieser Gruppe
gehörende Präparat Benaxoprofen (Coxigon)
wurde vor allem in England und in der BRD vor einigen
Jahren mit großem Propagandaaufwand eingeführt,
sehr schnell (!) viel verwendet, mußte dann unter
anderem wegen Dutzenden von Todesfällen durch
Leberschädigung zurückgezogen werden.
Verwendung und Bewertung: Diese Gruppe enthält
langbewährte Präparate (6) Ibuprofen (Brufen)
und Naproxen (Proxen) mit einem relativ (!) günstigen
Nutzen-Risiko-Verhältnis (z. B. im Vergleich zu
Salizylaten oder Pyrazolderivaten). Dies muß
aber, wie das Beispiel Benoxaprofen zeigt, nicht für
alle Präparate gelten, und daher ist jede neu
eingeführte Substanz zuerst mit Vorsicht zu betrachten.
Neben der Verwendung bei rheumatischen Erkrankungen
(siehe unten) und Dysmenorrhoen (siehe unten), wurden
diese Präparate auch wegen ihrer analgetischen
Wirkung bei Weichteilverletzungen, Schmerzen nach Geburt
und Operationen und bei Carcinom-Schmerzen, vor allem,
wenn diese bei Knochenmetastasen auftreten (6a), eingesetzt
(1, 5). Für die Präparate Fenbufen (Risiko
von Haut- und Leberkomplikationen) Flurbiprofen, Ketoprofen
und Tiaprofensäure sind keine Vorteile gegenüber
den langbewährten Präparaten zu sehen (7).
So hat z. B. in England die in Anzeigen gemachte Behauptung,
daß Tiaprofensäure (Surgamyl) über
eine differenzierte Hemmung der Prostaglandinsynthese
den Magen schützt, zur Verurteilung der diese
Substanz in England vertretenden Firma geführt,
da der klinische Nachweis für diese Behauptung
nicht vorliege (7a).
Arylessigsäurederivate
Zu dieser Gruppe gehören Diclofenac (Magluphen,
Voltaren) und auch Tolmetin (Tolectin), Lonazolac (Irritren)
und Pirprofen (Rengasil).
Wirkung: Mittelstark wirksame Antiphlogistica.
Nebenwirkungen: Generelle siehe unten, Hauterscheinungen
und selten Blutbildschäden.
Verwendung und Bewertung: Diclofenac ist für diese
Gruppe als bewährtes Mittel anzusehen. Das dem
Tolmetin chemisch verwandte Zomepirac wurde wegen schwerer,
anaphylaktischer Reaktionen aus dem Handel gezogen,
Tolmetin scheint durch diese Nebenwirkungen ebenfalls
belastet zu sein (1, 5, 8). Für Lonazolac und
Pirprofen ist der Erprobungsgrad zu gering, um diese
Substanzen gegenüber den bewährten Verbindungen
bewerten zu können,
Diclofenac wurde auch als Analgeticum eingesetzt bei
postoperativem Schmerz, Verletzungen, nach Mundoperationen
und, wie bereits diskutiert (Pharmainformation 2/2),
zur Behandlung von Koliken.
Indolderivate
Hiezu gehören Indomethazin (Indo-Arcana, Indocid,
Gaurit, Ralizid), Sulindac (Clinoril) Azemetacin (Rheutrop).
Indomethazin hat einen starken antiphlogistischen Effekt.
Die Substanz ist aber mit relativ häufigen Nebenwirkungen
(bis zu 50%) belastet, wobei zu den für NSA typischen
Nebenwirkungen Kopfschmerzen (bis 50%), Übelkeit,
Depressionen und Schwindel dazukommen. Bis zu 20% der
Patienten müssen wegen dieser Nebenwirkungen die
Substanz absetzen (5). In seltenen Fällen wurden
auch Agranulozytosen und aplastischen Anämien
beobachtet.
Sulindac (Clinoril) ist etwas schwächer (5), es
ist eine sogenannte Prodrug, die erst nach Umwandlung
im Organismus aktiv wird. Damit erhoffte man sich eine
geringere Belastung des Magen-Darm-Traktes. Da diese
Nebenwirkung allerdings weniger auf eine lokale Schädigung,
sondern vor allem auf die generelle Hemmung der Prostaglandinsynthese
zurückzuführen ist, kann dies höchstens
teilweise der Fall sein. Die Prostaglandinsynthese
in der Niere wird durch diese Substanz geringer gehemmt,
sodaß hier die Beeinflussung der Nierenfunktion
(siehe unten) geringer sein dürfte. Im gesamten
gesehen sind die Nebenwirkungen ähnlich wie bei
Indomethazin, aber es dürfte eine bessere Verträglichkeit
vorliegen.
Azemetacin (9, Rheutrop) ist ein Ester von Indomethazin
und wird erst in vivo in Indomethazin umgewandelt.
Auch hier erwartete man sich deshalb eine geringere
Störung im Magen-Darm-Bereich, und dies scheint
auch in ersten Studien der noch sehr neuen Substanz
bestätigt zu werden. Da aber Azemetazin im Organismus
in Indomethazin umgewandelt wird, ist letztlich ein
sehr ähnliches Wirkungsspektrum zu erwarten.
Bewertung: Indomethazin ist eine sehr wirksame Substanz,
die bei schweren Krankheitsformen trotz ihrer Nebenwirkungen
indiziert ist. Sollte die Verträglichkeit dieses
schon lange verwendeten Präparates beim einzelnen
Patienten schlecht sein, kann man auf Sulindac (Clinoril)
und notfalls auf das noch nicht sehr intensiv getestete
Azemetacin (Rheutrop) auszuweichen versuchen.
Antranilsäurederivate
Hiezu gehören Mefenamsäure (Parkemed) und
Nifluminsäure (Actol). Bei der Wirkung steht bei
diesen Substanzen auch eine starke analgetische Wirkung
im Vergleich zur antiphlogistischen Wirkung im Vordergrund.
Nebenwirkungen: Relativ häufig Magen-Darm-Störungen,
typischerweise sehr oft auch Durchfälle, selten
hämolytische Anämien und das Auftreten von
Nierenschäden.
Verwendung und Bewertung: Da die analgetische Wirkung
deutlich ausgeprägt ist, werden die Substanzen
auch für postoperative Schmerzen und ähnliches
verwendet. Die möglichen Nierenschädigungen
sind allerdings gerade postoperativ ein Nachteil (7).
In der antirheumatischen Therapie sind sie vor allem
aufgrund der häufigen Magen-Darm-Störungen
Mittel zweiter Wahl (7).
Oxicame
Zu dieser Gruppe gehören Piroxicam (Felden) und
das Präparat Isoxicam (Pacyl), das wegen schwerer
Nebenwirkungen, z. B. tödlichen Hauterkrankungen,
vor kurzem zurückgezogen wurde (siehe Pharmainformation
1/1).
Wirkung: Piroxicam (10) hat eine belegte antiphlogistische
Wirkung.
Nebenwirkungen: Diese entsprechen den generellen Nebenwirkungen
(siehe unten).
Bewertung: Die Nebenwirkungen von Isoxicam, die zum
Rückzug dieses Präparates führten, könnten
mit der langen Halbwertszeit dieses Präparates
zusammenhängen, wie dies z. B. auch bei Langzeitsulfonamiden
(vergleiche Probleme von schweren Hautschäden
beim Malariamittel Fansidar) der Fall ist. Piroxicam
(Felden) wird daher auch zum Teil sehr kritisch bewertet
(7). Die vorliegenden Daten erlauben aber keine kategorische
Feststellung, daß diese Substanz deutlich riskanter
als die anderen NSA ist. So hat die Food and Drug Administration
kürzlich (11. Juni 1986) in den USA es abgelehnt,
die Verwendung von Feldern bei Patienten über
60 Jahren zu untersagen, da die Daten kein klar deutliches
Risiko, verglichen mit anderen NSA, belegen würden.
Trotzdem ist eine Zurückhaltung bei dieser Substanz
empfehlenswert.
1. Eine lange Halbwertszeit ist beim Auftreten von Nebenwirkungen
ein Nachteil, da trotz Absetzten der Substanz diese
weiterhin lange im Organismus verbleibt.
2. Eine lange Halbwertszeit bewirkt eine sehr gleichmäßige
und durchgehende Hemmung der Prostaglandinsynthese,
was gerade beim Auftreten von Magen-Darm-Störungen
(Ulcusbildung) ein Nachteil sein kann.
3. Die unten diskutierten Daten belegen zwar nicht eindeutig,
daß Piroxicam ein höheres Risiko hat, deuten
dies aber zumindest an. vor allem bei Patienten und
Patientinnen über 60 Jahren erscheint es daher
zweckmäßig, Alternativen den Vorzug zu geben.
Generelle Nebenwirkungen der NSA
Pseudoallergische Reaktionen: Bereits in der Pharmainformation
2/1 haben wir besprochen, daß alle NSA bei empfindlichen
Personen (wie z. B. Asthmatikern) zur Auslösung
von allergischen Symptomen (vielleicht über vermehrte
Leukotrienbildung) führen können.
Magen-Darm-Beschwerden: Alle NSA können zu Mikroblutungen
bis Ulcera im Magen-Darm-Bereich führen. Wenn
man Acetylsalicylsäure als Standard nimmt, so
scheint Konsens darüber zu bestehen, daß
zumindest einige neuere Substanzen diese Nebenwirkungen
in geringem Ausmaße besitzen. Dies soll auch
für das Salizylderivat Diflusinal (Fluniget) (3)
gelten, insbesondere dann aber auch für die Propionsäurederivate
wie Ibuprofen (Brufen), Naproxen (Proxen), und Arylessigsäurederivate
wie Diclofenac (Voltaren, Magluphen). Die Magen-Darm-Störungen
durch NSA sind quantitativ von großer Bedeutung,
da z. B. in England ein Viertel aller Meldungen durch
das Yellow-Card-System diese Nebenwirkungen einschließlich
perforierter Ulcera betreffen (11).
Leider kann man keine verläßlichen Aussagen
über die relative Gefahr der NSA, z. B. Verursachung
von Todesfällen wegen perforierter Ulcera, machen.
Ein Vergleich mehrerer Studien zeigt (12, 13, 14, 15),
daß Piroxicam und Indomethazin vom Risiko her
eher eine Spitzenposition einnehmen. Wie gesagt, der
Unterschied gegenüber anderen NSA ist aber nicht
groß genug, um verläßliche Aussagen
zu machen.
Blutbildschäden: Die Belastung der Pyrazolgruppe
haben wir bereits ausführlich diskutiert. Bei
den anderen Gruppen (außer Salizylaten) sind
in seltenen Fällen Agranulozytose und aplastische
Anämie beobachtet worden. Vergleichende Zahlen
der einzelnen NSA, wie sie aus England bekannt wurden,
lassen über das relative Risiko keinen verläßlichen
Schluß zu (12). Nur die Pyrazolderivate und das
vom Markt zurückgezogenen Benoxaprofen sind eindeutig
höher belastet.
Nierenschäden: Besonders bei schon vorgeschädigter
Nierenfunktion scheint die lokale Prostaglandinsynthese
für den Blutdurchfluß wichtig zu sein. Dieser
kompensatorische Mechanismus wird durch NSA beeinträchtigt,
und es kann daher zur Dekompensation der Nierenfunktion
kommen. Mittel mit langer Halbwertszeit und daher sehr
konstanter Hemmung der PG-Synthese dürften hier
nachteilig sein. Auf jeden Fall darf bei Patienten
mit belasteten Nieren eine Gabe von NSA nur unter größter
Vorsicht erfolgen (16).
Zusammengefaßt, wenn man schwere bis tödliche
Nebenwirkungen im gesamten betrachtet (12, 13, 14,
15), dann ist die höhere Toxizität von Pyrazolderivaten
und dem zurückgezogenen Benoxaprofen eindeutig
belegbar. Piroxicam findet sich häufiger im oberen
Bereich des Risikos, während Ibuprofen am wenigsten
durch Toxizität belastet zu sein scheint.
Verwendung und Auswahl von NSA
Chronisch-rheumatische Erkrankungen: Bei diesen ist
die Wirksamkeit der oben erwähnten Verbindungen
belegt. Dabei zeigt sich in Doppelblindstudien öfters
das überraschende Phänomen, daß die
verschiedenen Substanzen objektiv eine ähnliche
Wirkung zeigen, daß aber die Patienten deutliche
Präferenzen für eine der Substanzen angeben
(3). Gerade bei diesen schwierig zu behandelnden Krankheiten
ist daher sicherlich auch diese subjektive Komponente
miteinzubeziehen.
Während in den USA Salizylate stark im Vordergrund
standen und erst jetzt eher Alternativen verwendet
werden (3), stehen bei uns schon länger die neueren
Substanzen im Vordergrund (z. B. 6).
Die kritische Analyse der Literatur empfiehlt folgendes
Vorgehen: Therapiebeginn mit einem der langbewährten
Propionsäurederivate (Brufen, Proxen) oder Arylessigsäurederivate
(wie Magluphen, Voltaren). Wenn mit diesen Substanzen
kein gewünschter Erfolg erzielt wird, ist ein
Wechsel innerhalb der Gruppe eines Versuches wert,
wobei Unterschiede in der Wirkungsdauer, je nach Dauer
und Schwankung der Schmerzen, auch zu berücksichtigen
sind. Ist kein Erfolg erzielbar, ist ein Versuch mit
Indolderivaten zu überlegen.
Ankylosierende Spondylitis:
Salizylate sind hier weniger wirksam. Auch hier kann
ein Versuch mit einem Propionsäurederivat (3)
gemacht werden, man wird aber öfters zu Indomethazin
und seinen Derivaten greifen müssen und für
schwere Fälle als letzten Ausweg Pyrazolderivate
in Erwägung ziehen.
Gicht:
Beim akuten Anfall stehen neben Colchizin als spezifischem
und wirksamen Agens von den NSA auch Propionsäurederivate
und dann das stärker wirksame Indomethazin im
Vordergrund.
Zum Abschluß sei, wieder um eine Vergleichsbasis
zu geben, die Empfehlung der Arzneimittelkommission
der deutschen Bundesärztekammer angeführt:
"Noch mehr als bei den anderen Arzneistoffen sind
symptomatische Antirheumatica (NSA) bei entzündlichen
und degenerativen Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises
dem Krankheitsbild und dessen entzündlicher Aktivität
anzupassen. Man sollte mit einem NSA beginnen, mit
dem große Erfahrungen vorliegen, wie Salizylate,
Diclofenac, Ibuprofen, Indomethazin, Naproxen. Ermittlung
optimal wirksamer Dosenverträglickeit bedarf mindestens
einer Woche, erst dann, wenn nötig, ein anderes
bewährtes Präparat erproben. Retardierte
und substanzspezifische langwirksame Präparate
bedürfen bei älteren und nierenkranken Patienten
einer besonderen Überwachung. . Der Zusatz sogenannter
neurotroper Vitamine ist nicht sinnvoll."
Literatur:
1. Drugs, 27, 232, 1984
2. Arzneimittelbrief 16, 73, 1982
3. Textbook of Rheumatology, S. 752, 2nd, 1985, Saunder
Co.
4. Clin. Pharmacokinetics 8, 297, 1983
5. Goodman and Gilman 7 Aufl. McMillan 1985
6. Schw. med. Wschr. 112, 1200, 1982
6a. New Engl. J. Med. 313, 84, 1985
7. Transparenztelegramm, ATI Arzneimittelinformation,
Berlin 1985/1986
7a. Lancet I, 113, 1987
8. Arzneitelegramm 3, 17, 1983
9. Pharmakritik, 8, 53, 1986
10. Drugs 26, 292, 1984
11. Adverse Drug Reaction Bull. 120, 448, 1986
12. Arzneitelegramm 1, 1, 1986
13. Pharmakritik 8, 10, 1986
14. Brit. med. J. 294, 147, 1987
15. Brit. med. J. 22, 1190, 1986
16. New Engl. J. Med. 310, 563, 1984
NSA bei Dysmenorrhoe:
Wir wollen hier nicht generell die Therapie der Dysmenorrhoe
besprechen, sondern nur einige Gesichtspunkte betonen,
die eine Therapie mit NSA zweckmäßig erscheinen
lassen. Im Endometrium werden Prostaglandine gebildet,
die Spiegel sind während der follikulären
und lutealen Phase niedrig, steigen aber kurz vor dem
Einsetzen der Menstruation an, wobei vor allem PGF2
und weniger PGE2 freigesetzt werden. Die angegebenen
PG sollen Gefäße verengen und zum Zellzerfall
im Endometrium führen. Dadurch freigesetzte Iysosomale
Enzyme setzen mehr Arachidonsäure frei und führen
zu weiterer PG-Produktion (1). Hohe Konzentrationen
von PGF2 führen zu Kontraktionen des Uterus und
über Gefäßverengung im Uterus zu Schmerz.
Wenn dieses PG in den Kreislauf kommt, bewirkt es Kopfschmerzen,
Erbrechen und Diarrhoen - alles Symptome, die auch
bei Dysmenorrhoen vorkommen. Tatsächlich fand
man bei Patientinnen mit Dysmenorrhoe eine Erhöhung
der Prostaglandinfreisetzung aus dem Uterus und dazu
passend, daß NSA als Hemmer der Prostaglandinsynthese
bei Dysmenorrhoe wirksam sind (1, 2)
Bei primärer Dysmenorrhoe waren NSA bei 75% bis
90% erfolgreich (1, 2). Bei Verabreichung einen Tag
vor der Menstruation oder am 1. Tage der Menstruation
bewirkten in mehreren Doppelblindstudien sowohl Propionsäurederivate
(Ibuprofen, Naproxen) als auch Mefenamsäurederivate
(Fenamat) und auch Indomethazin gute Erfolge. Auch
die bewährte Acetylsalicylsäure ist aufgrund
des analogen Wirkungsmechanismus' eine mögliche
Alternative.
Literatur:
1. Ann. Rev. Pharmac. 23, 131, 1983
2. Amer. J. Obst. Gynecol. 148, 96, 1984
retour zum Inhaltsverzeichnis
Neu registriert: Nimodipin (Nimotop)
Nimodipin ist als Nimotop 30-mg-Filmtabletten und als
Nimotop 10-mg-Infusionsflasche in Österreich registriert.
Die Wirksubstanz Nimodipin, ein substituiertes 1,4-Dihydropyridine,
ist ein Calciumkanalblocker und hemmt als solcher den
Einstrom von Ca++-Ionen in erregbares Gewebe, speziell
in die glatte Muskulatur der Gefäße (1).
Dabei zeigt Nimodipin auch eine Wirkung auf Hirngefäße,
wenn diese in vitro zur Kontraktion gebracht werden
(2). Inwieweit sich Nimodipin hierbei von anderen Calciumkanalblockern
unterscheidet, ist noch unklar. Zahlreiche experimentelle
und klinische Untersuchungen wurden und werden laufend
weiter durchgeführt, die die Wirkung der Substanz
auf die globale Hirndurchblutung, die Beeinflussung
des regionalen cerebralen Blutflusses, die antivasokonstriktorische
Wirkung nach Subarachnoidalblutung, die antiischämische
und antihypoxische Wirkung, die Wirkung bei Hirnleistungsstörungen
in Folge cerebrovaskulärer Insuffizienz, bei Involutionsdepressionen
und bei cerebralen ischämischen Insulten zu evaluieren
zu versuchen.
Die im Austria-Codex 1986/87 angegebene Indikation von
Nimodipin betrifft die protektive Wirkung gegen Vasospasmen
bei Subarachnoidalblutung. Vasospasmen ereignen sich
häufig 4 bis 14 Tage nach einer Subarachnoidalblutung,
vermutlich über die Freisetzung vasoaktiver Produkte
aus dem ausgetretenen Blut und können konsekutiv
zu neurologischen Ausfällen führen (3, 4)
Diese sollten durch die antikonstriktorische Wirkung
von Nimodipin auf die Hirngefäße verhindert
werden. Dazu existiert eine prospektive, randomisierte,
placebokontrollierte klinische Doppelblindstudie (5).
125 Patienten mit einer Subarachnoidalblutung und initial
normalem neurologischen Befund wurden untersucht. In
der Placebogruppe erlitten 8 von 60 Patienten vasospasmusbedingte
neurologische Ausfälle, bei den 56 mit Nimodipin
behandelten Patienten hingegen nur einer. Dieser Unterschied
war statistisch signifikant und genügte den Autoren
zur Empfehlung der prophylaktischen Gabe bei allen
Patienten mit einer Subarachnoidalblutung ohne neurologische
Herdhinweise. Diese Empfehlung wurde auch im Hinblick
darauf ausgesprochen, daß während der Untersuchung
keine Nebenwirkungen von Nimodipin beobachtet wurden.
Der zitierten Studie folgten einige weitere mit gleichfalls
positiven Ergebnissen (z. B. 6, 7), ohne allerdings
einen vergleichbaren Untersuchungsstandard aufzuweisen.
Eine zweite methodisch unangreifbare Studie wurde bisher
nicht (!) veröffentlicht. Insgesamt scheint der
Einsatz von Nimodipin in der genannten Indikation wegen
des Fehlens anderer wirksamer Medikamente derzeit vertretbar,
wenngleich die zu erwartenden Vorteile den Einsatz
keineswegs zwingend notwendig erscheinen lassen. Die
Nimodipin-Gabe sollte - wie die Behandlung der Subarachnoidalblutung
überhaupt - ausschließlich spezialisierten
Zentren vorbehalten bleiben.
Weitere Indikationsbereiche von Nimodipin werden untersucht,
ohne daß diese Studien eine abschließende
Beurteilung oder Therapieempfehlung erlauben. Groß
sind die Bemühungen, die Substanz in der Behandlung
der chronischen und akuten, diffusen und regionalen
cerebralen Minderdurchblutung etablieren (8, 9, 10).
Wir werden über Medikamente bei diesen Indikationen
demnächst im Zusammenhang referieren. Therapieversuche
betreffen auch die Migräne (11, 12) und die Epilepsien
(13, 14).
Abschließend kann gesagt werden, daß Nimodipin
derzeit ein sehr begrenztes Indikationsgebiet zu Verhinderung
von Vasospasmen nach einer Subarachnoidalblutung hat.
Ob andere Verwendungsmöglichkeiten hinzukommen,
bleibt weiteren klinischen Prüfungen vorbehalten.
Obwohl diese Substanz in Österreich registriert
ist, kann Endgültiges über ihren Platz in
der Therapie einschließlich der Verwendung bei
Subarachnoidalblutungen noch nicht ausgesagt werden.
Literatur:
1. Pharmacol. Rev. 20, 197, 1968
2. Brit. J. Pharmacol. 67, 409, 1979
3. J. Neurosurg. 46, 446, 1977
4. Neurosurg. 1, 245, 1977
5. N. Engl. J. Med. 308, 619, 1983
6. Neurochirurgie 28, 103, 1985
7. Neurochirurgie 28, 110,1985
8. Acta Neurol. Scand. 69, 232, 1984
9. Acta Neurochir. 63, 283,1982
10. Klin. Wschr. 63, 8, 1985
11. Euro. Neurol. 25, suppl. 72, 1986
12. Clin. Neuropharmacol. 9, 311, 1986
13. Epilepsia 5, 498, 1986
14. Eur. Neurol. 25, suppl 93, 1986
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Therapie der akuten Pankreatitis - gibt es Fortschritte
durch neue Pharmaka?
Zu diesem Thema erschien kürzlich
im Arzneimittelbrief (1) eine, wie dies für diese
Zeitschrift meist der Fall ist, fundierte Analyse.
Wir präsentieren daraus eine interessante Tabelle,
die die Daten zusammenfaßt:
Spezielle Therapie der akuten Pankreatitis (ohne invasive Maßnahmen)
| I. Indirekte Hemmung der Pankreassekretion | |
| Magensonde | + |
| Antazida | + |
| Cimetidin (Chimetag, Neutromed, Supramet, Tagamet) | (+) |
| Nahrungskarenz | + |
| II. Direkte Hemmung der Pankreassekretion | |
| Atropin | - |
| Glukagon | - |
| Calcitonin | - |
| Somatostatin | - |
| III. Hemmung der Autodigestion | |
| Antifibrinolytika | - |
| Phospholipase-A2-Hemmer | - |
| Aprotinin (A-Sanabo,Pantinol, Trasylol) | - |
| IV. Hemmung der sekundären Entzündung | |
| Antibiotika (prophylaktisch) | + |
+ = nötig, (+) = wünschenswert, - = unnötig
Hiezu noch einge interessante Textstellen: "Die
Gabe von Atropin gehörte lange Jahre zur Standardtherapie
der akuten Pankreatitis, da dessen Anwendung die Magen-
und Pankreassekretion vermindert. Da schließlich
eine propektive Studie (2) an 51 Patienten keinen therapeutischen
Effekt auf die akute Pankreatitis nachweisen konnte,
kann heute auf diese Therapie verzichtet werden."
" Die klinische Anwendung von Aprotinin (Aprotinin
'Sanabo', Panitnol, Trasylol) wird kontrovers beurteilt.
Insgesamt 10 Studien ließen bei einer zusammenfassenden
Beurteilung keine eindeutigen klinischen Effekte erkennen.
Dann gelang es Trapnell und Mitarb. (3), bei Patienten
mit biliärer oder idiopathischer Pankreatitis
durch eine hochdosierte Therapie mit Aprotinin die
Letalität auf 7% gegenüber 25% in der Kontrollgrupe
zu reduzieren. Darauhin wurden 3 weitere große
Studien durchgeführt (4, 5, 6, 7). In diesen konnte
jedoch Aprotinin weder die Letalität noch den
klinischen Verlauf der akuten Pankreatitis günstig
beeinflussen. In mehreren Fällen wurden anaphylaktische
Reaktionen mit tödlichem Ausgang beobachtet (8)."
Diese Daten zeigen wieder einmal, daß so manches,
was in der Therapie von manchem eine Zeitlang als zweckmäßig
erachtet wird, nach Vorliegen sorgfältiger Studien
obsolet wird.
Über Somatostain (als Sonatostanin Linz und Somatostatin
Serono; neu registriert) werden wird demnächst
referieren.
Literatur:
1. Arzneimittelbrief 21, 9, 1987
2. Surgery 148, 206, 1979
3. Brit. J. Surg. 61, 177, 1974
4. Lancet 1, 632, 1977
5. Gut 21, 224, 1980
6. Scand. J. Gastroenterol. 14, 881, 1979
7. Brit. J. Surg. 65, 337, 1978
8. Hollender, L.F. et al.: Akute Pankreatitis, Urban
und Schwarzenberg, München-Wien-Baltimore, 1983
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Nachtrag: Dipyridamol (in Thrombosantin):
Wir haben kürzlich diskutiert, daß Thrombosantin
(Acetylsalicylsäure und Dipyridamol) gegenüber
Acetylsalicylsäure allein zur Thromboseprophylaxe
keine entscheidenden Vorteile bietet (siehe Pharmainformation
1, 2). Dazu erschien nun kürzlich ein umfassender
Artikel im New Eng. J. Med., 316, 1247, 1987. Zwei
Zitate, die unserer damaligen Schlußfolgerung
entsprechen, seien übersetzt zitiert: "Die
wenigen klinischen Versuche, in denen Aspirin allein
mit Aspirin und Dipyridamol verglichen wurden, sprechen
dafür, daß Dipyridamol wenig, wenn überhaupt
etwas zur antithrombotischen Wirkung von Aspirin beiträgt.
Der sich bildende Konsens unterstützt nicht eine
Verwendung von Dipyridamol als Thrombozytenaggregationshemmer.
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Dienstag, 15-Oktober-96
Fischer-Colbrie@uibk.ac.at