PHARMAINFORMATION
UNABHÄNGIGE INFORMATION FÜR DEN ARZT
HERAUSGEBER UND VERLEGER: Univ.-Prof. Dr. G. Bauer (Neurologie), Univ.-Prof. Dr. H. Huber (Innere Medizin), Univ.-Doz. Dr. G. Schuler (Dermatologie) und Univ.-Prof. DDr. H. Winkler (Pharmakologie): Medizinische Fakultät der Universität Innsbruck. Für den Inhalt verantwortlich und Korrespondenzadresse: Univ.-Prof. DDr. Hans Winkler, Institut für Pharmakologie, Peter-Mayr-Straße 1a, 6020 Innsbruck. Druck: OffsetBuchdruckGassler, Anton-Melzer-Straße 7, 6020 Innsbruck
Jahrgang 4, Nummer 1, Innsbruck, März 1989
INHALT
Indikationsstellung für Ketoconazol (Nizoral):
Ketoconazol ist ein Imidazolderivat, das durch Hemmung
der Ergosterolsynthese eine fungiastische Wirkung auf
ein breites Spektrum von Pilzen ausübt. Ketoconazol
kann oral oder topisch verabreicht werden.
Orale Therapie
Bei der oralen Therapie von Ketoconazol ist zu bedenken,
daß die Absorption der Droge von der Umwandlung
in ein Salz im sauren Milieu des Magens abhängt.
Anacide Patienten bedürfen daher einer HCI-Substitutionstherapie.
Bei Verwendung von Antacida oder H2-Blockern ist eine
orale Resorption nicht gewährleistet.
Indikationen
1. Systemische/tiefe Pilzinfektionen
Die Substanz wurde unter anderem erfolgreich zur Behandlung
der (Para)Coccidioidomykose, Histoplasmose und Chromomykose
eingesetzt. Die Möglichkeit der oralen Verabreichung
und die im Vergleich zu den anderen zur Bekämpfung
systemischer Pilzinfektionen zur Verfügung stehenden
Medikamenten geringen Nebenwirkungen sind hier von
Vorteil (1). Ketoconazol passiert die Blut-Hirnschranke
schlecht und muß sehr hoch dosiert werden (800-1.200
mg/die), um im ZNS therapeutische Spiegel zu erreichen
(2). Ketoconazol ist bei Pilzinfektionen des Harntraktes
kaum effektiv, da nur wenig aktive Substanz im Urin
ausgeschieden wird. Bei invasiven Pilzinfektionen bei
immunsupprimierten Patienten ist Ketoconazol nicht
das Mittel erster Wahl, da es weniger effektiv ist
als Amphotericin (Ampho-Moronal, Amphotericin B.z.
Inf.) oder Flucytosine (Ancotil).
2. Candidainfektionen
Ketoconazol ist das Mittel der Wahl zur suppressiven
Therapie bei chronisch mukokutaner Candidiasis (3).
Es wird auch zur Behandlung der Candidaösophagitis
bei AIDS-Patienten eingesetzt. Ketoconazol kann prophylaktisch
bei neutropenischen Patienten eingesetzt werden, die
routinemäßige Applikation hat sich allerdings
nicht durchgesetzt (4). Kutane Candidainfektionen können
bei immunkompetenten Patienten fast immer durch topische
Antimykotika gut behandelt werden. Der Einsatz von
Ketoconazol ist nur selten notendig, ein Beispiel wäre
eine auf austrocknende Behandlung und spezifische Lokaltherapie
nicht ansprechende Candidaparonychie. Für die
Behandlung und Rezidivprophylaxe der Candidavaginitis
reicht in den allermeisten Fällen ebenfalls eine
Lokaltherapie aus. Prädisponierende Faktoren müssen
berücksichtigt werden (Schwangerschaft, Kontrazeptiva,
Antibiotikagabe, Diabetes mellitus, Befall des Magen-Darm-Traktes
infolge Hypazidität). Wenn eine stärkere
Besiedelung des Darmtraktes mit Candida albicans vorliegt,
sollte diese zusätzlich durch orale Gabe des nicht
resorbierbaren Nystatin (Mycostatin) behandelt werden.
Zusätzlich gibt es eine kleine Subgruppe von Patientinnen,
die unter schwerer, häufig rezidivierender oder
gar persistierender Candidavaginitis leiden, die zu
einer schweren Beeinträchtigung u.a. auch des
Sexuallebens führt. Meist liegen die oben angeführten
prädisponierenden Faktoren nicht vor, die Pathogenese
ist unklar (?Versagen der lokalen Abwehrmechanismen),
die übliche Therapie erfolglos. Die Neigung zur
Candidavaginitis kann zwar nicht beseitigt werden,
durch zyklische Gabe von lokalen Antimykotika (5) oder
Ketoconazol (6,7) können aber die Erscheinungen
supprimiert werden. Eine prospektive plazebokontrollierte
Studie (7) zeigte, daß die kontinuierliche tägliche
Prophylaxe mit Ketoconazol am effektivsten die Candidavaginitis
supprimierte. Rezidive nach Absetzen des Medikaments
waren aber auch häufig. In dieser Studie wurden
74 Patientinnen durch zwei Wochen mit 400 mg Ketoconazol
täglich behandelt, danach randomisiert auf drei
Gruppen (a,b,c) aufgeteilt. Sie erhielten über
sechs Monate bzw. Zyklen: (a) Plazebo, (b) jeweils
ab Einsetzen der Menstruation durch fünf Tage
400 mg Ketoconazol täglich, (c) 100 mg Ketoconazol
täglich durch sechs Monate. Nach sechs Monaten
hatten in Gruppe (a) 71%, in (b) 29%, in (c) 5% ein
Soorrezidiv. Nach zwölf Monaten waren 24% der
Plazebogruppe rezidivfrei, 43% der Gruppe (b), 52%
der Gruppe (c).
3. Dermatophyteninfektionen
Soferne eine systemische Therapie indiziert ist (sehr
ausgedehnte Trichomykosen sowie - unter Vorbehalt,
siehe unten - Onychomykosen) ist nach wie vor Griseofulvin
(Fulcin, Griseomed, Grisovin) das Mittel erster Wahl.
Griseofulvin hat sich in den 30 Jahren seines Gebrauchs
als sichere und effektive Therapie herausgestellt.
Ketoconazol ist als Alternative bei einer Griseofulvinunverträglichkeit
in Betracht zu ziehen oder wenn chronische Dermatophyteninfektionen
auf Griseofulvin nicht ansprechen. Dieses Problem stellt
sich vor allem bei den Onychomykosen. Eine große
Studie hat gezeigt, daß mit den beiden Substanzen
nur in etwa 20% der Fälle eine Heilung von Nagelpilzinfektionen
zu erwarten ist, da Rückfälle häufig
sind (8). In einer anderen Studie zeigte sich, daß
bei Versagen von Griseofulvin auch Ketoconazol meist
keinen Erfolg brachte (9). Ganz allgemein erscheint
es sinnvoll, Onychomykosen bei älteren Patienten
mit prädisponierenden Faktoren (chron. venöse
Insuffizienz etc.) nur lokal (Harnstoffsalbe zur Entfernung
der befallenen Nagelsubstanz, anschließend Applikation
von Imidazol-(Miconazol: Daktarin-Lösung, Econazol:
Pevaryl, Clotrimazol: Canesten) oder Allylamin-(Exoderil)
Präparaten) palliativ zu behandeln. Bei jüngeren
Patienten ist hingegen eine systemische Therapie sinnvoll.
4. Infektionen mit Pityrosporum orbiculare
Nur bei den seltenen Fällen von sehr schwerer,
ausgedehnter Pityriasis versicolor, die auf eine sachgemäß
durchgeführte Lokaltherapie (z.B. Pevarylshampoo)
nicht ansprechen, ist eine Therapie mit Ketoconazol
angezeigt.
Nebenwirkungen bei oraler Gabe: Wie bei anderen Medikamenten
hat sich auch bei Ketoconazol erst nach einiger Zeit
das ganze Spektrum der Nebenwirkungen gezeigt. Bei
3-10% der Patienten kommt es zum Auftreten von Übelkeit
und Erbrechen. Bei etwa 1-2% treten Bauchschmerzen
und Juckreiz (ohne Ausschlag) auf. Bei etwa 5 - 10%
der Patienten kommt es zu irgendeinem Zeitpunkt während
der Behandlung mit Ketoconazol zu einer Erhöhung
der Transaminasen, die transient und klinisch inapperent
ist. Selten kommt es zu Auftreten einer symptomatischen,
ikterisch oder anikterisch verlaufenden Hepatitis (Inzidenz
etwa 1 in 10.000, aufgrund der Dunkelziffer wahrscheinlich
höher; vielleicht bei älteren Frauen häufiger
auftretend, meist in den ersten zwei Monaten, evtl.
bereits in den ersten zwei Wochen der Verabreichung
von Ketoconazol (11-13). Diese nicht dosisabhängige,
wahrscheinlich eine "idiosynkratische" Reaktion
darstellende Hepatitis verlief in einzelnen Fällen
letal (wahrscheinlich weil Ketoconazol trotz Anzeichen
der Hepatitis vorerst weiter verabreicht wurde). Ketoconazol
unterdrückt nach einer Einzelgabe vorübergehend
und dosisabhängig die Testosteronsynthese und
die Steroidproduktion in der Nebenniere (14). Längerdauernde
Therapie kann daher zur Gynäkomastie (15) und
bei Verwendung hoher Dosen (Tagesdosis ab 400 mg) zu
einer herabgesetzten Streßreaktionsfähigkeit
führen. Selten kommen reversible Zyklusstörungen
bzw. Libido- und Potenzabnahme vor. Der endokrinologische
Effekt wurde auch bereits therapeutisch ausgenützt
(Prostatakarzinom, Hyperadrenalismus). Allergische
Reaktionen wurden beschrieben, in zwei Fällen
eine anaphylaktische Reaktion nach einer einzigen Dosis
von Ketoconazol (16). Interaktionen von Ketoconazol
mit anderen Medikamenten sind zu beachten (Erhöhung
des Blutspiegels von Cyclosporin, Potenzierung der
Wirkung oraler Antikoagulantien: 17). Ketoconazol darf
während der Schwangerschaft nicht verabreicht
werden (teratogene Effekte im Tierversuch). Patienten,
die Ketoconazol erhalten, sollten Alkohol meiden, da
vereinzelt eine Disulfiram (Antabus)-ähnliche
Wirkung beobachtet wurde.
Topische Therapie
Ketoconazol ist bei topischer Applikation wirksam gegen
Hefe- und Fadenpilzerkrankungen. Die Effektivität
einer 2%igen Creme bei Pityriasis versicolor wurde
in einer Doppelblindstudie nachgewiesen (10). Die topische
Applikation scheint auch bei seborrhoischem Ekzem therapeutisch
wirksam zu sein. Ein topisches Ketoconazolpräparat
ist bei uns jetzt erhältlich (Nizoral-Creme).
Ketoconazol aus der Sicht des praktischen Arztes
Ketoconazol ist ein wichtiges Medikament zur Behandlung
von a) bestimmten systemischen/tiefen Mykosen sowie
b) kutanen Mykosen bei immundefizienten Patienten.
Aufgrund der seltenen, aber gefährlichen Leberschädigung
ist orales Ketoconazol kein Medikament für banale
Pilzinfektionen, wird aber dennoch viel zu häufig
hiefür verschrieben. Die Behandlung kutaner Mykosen
mit Ketoconazol bei immunkompetenten Patienten erscheint
aber nur in Ausnahmefällen angezeigt, die Indikation
hiezu sollte vom Facharzt gestellt werden.
Obwohl die schweren Lebernebenwirkungen nach Gabe von
oralem Ketoconazol (Nizoral) selten auftreten, muß
dieses Risiko bedacht werden. Es ist angezeigt, die
Transaminasen und die alkalische Phosphatase im Serum
während der ersten zwei Monate alle zwei Wochen
und dann alle ein oder zwei Monate zu kontrollieren.
Die Substanz muß abgesetzt werden, wenn die Leberenzyme
kontinuierlich ansteigen und/oder der Patient klinische
Zeichen einer ikterischen oder anikterischen Hepatitis
entwickelt.
Literatur:
(1) Ann. Intern. Med. 98, 13, 1983
(2) Ann. Intern. Med. 98, 160, 1983
(3) Ann. Intern. Med. 93, 791, 1980
(4) Arch. Intern. Med. 144, 549, 1984
(5) Br. J. Vener. Dis. 54, 176, 1978
(6) Obstet. Gynecol. 65, 435, 1985
(7) N. Engl. J. Med. 315, 1455,1 986
(8) Br. J. Dermatol. 112, 691, 1985
(9) Clin. Exp. Dermatol. 7, 611, 1982
(10) J. Amer. Acad. Dermatol. 15, 500, 1986
(11) Brit. Med. J. 283, 825, 1981
(12) Gastroenterology 86, 503, 1984
(13) Brit. Med. J. 294, 419, 1987
(14) Arch. Intern. Med. 144, 2150, 1984
(15) Arch. Intern. Med. 145, 1429, 1985
(16) Brit. Med. J. 287, 1673, 1983
(17) FDA Drug Bull. 14, 17, 1984
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Leseranfrage:
Wir freuen uns darüber, eine sehr
akutelle Anfrage über ein neu registriertes Präparat
beantworten zu können. Nach einer längeren
Ausführung können wir uns am Ende dem letzten
Satz der Anfrage von Primarius Dr. Menschick (Grieskirchen,
OÖ) anschließen, der folgendes schreibt:
"Ersuche höflich um Auskunft über das
Präparat ESTRADERM, das seit einigen Monaten auch
in Österreich registriert ist. Für dieses
Präparat wird angeführt, daß die Nebenwirkungen
kaum erwähnenswert sind, ein Umstand, der mir
bei der hohen Dosierung doch fragwürdig erscheint.
Bevor ich mich zur Verschreibung dieses Präparates
entschließe, ersuche ich höflich um eine
kurze Mitteilung zum erwähnten Medikament. Meines
Erachtens sind dzt. erprobte Östriol-Präparate
und Estradiol-Östriol-Gestagen-Tabletten im Handel,
so daß im vorliegenden Indikationsbereich eigentlich
ein dringender Bedarf an Analogem nicht unbedingt besteht."
Estraderm TTS: transdermale Östrogentherapie
Estraderm
TTS, das vor kurzem in Österreich registriert
wurde, ist ein Membranpflaster, das auf die Haut geklebt
wird und dort kontinuierlich Östradiol zur transdermalen
Resorption freigibt. Je nach Größe des Pflasters
wurden 0,025, 0,05 und 0,1 mg Östradiol pro Tag
freigesetzt. Alle 3 - 4 Tage soll ein neues Pflaster
auf die Haut aufgebracht werden. Klinische Studien
(z.B. 2, siehe 1a) belegen, daß Östradiol
durch die Haut resorbiert wird. Bei dieser transdermalen
Route entfällt im Gegensatz zur oralen Therapie
die erste Leberpassage, wodurch transdermal niedrigere
Dosen notwendig sind (ca. 100 mg transdermal versus
1 mg oral), um vergleichbare Blutspiegel zu erreichen.
Dementsprechend ist bei der transdermalen Resorption
der Blutspiegel des LeberMetaboliten des Östradiol,
des Östron, niedriger (2).
Eine wichtige Indikation für die Östrogentherapie
stellen Beschwerden in der Menopause wie Hitzewallungen
und trophische Störungen der Vagina und des Uterus
dar. Die Wirkung von transdermalem Östrogen in
der Behandlung dieser Symtpome ist durch mehrere Studien
gut belegt (2, 2a, siehe 1, 1a, 3, 3a), sie ist besser
als bei Placebogaben und vergleichbar der Wirkung oraler
Präparate. Für weitere Effekte gibt es gewisse
Unterschiede: Im Gegensatz zur oralen Gabe wird nach
transdermalen Östrogenen keine erhöhte Synthese
von Lebereiweißen (z.B. hormonbindenden Globulinen,
Reninsubstrat) gefunden (2, 2a). Ob der Anstieg des
Reninsubstrates, wie er nach oraler Therapie auftritt,
die Tendenz zur Blutdrucksteigerung bei Östrogengabe
erklären kann, ist allerdings fraglich.
Orale Östrogene führen zu einer günstigen
Beeinflussung des Lipoproteinmusters im Blut, während
transdermale Östrogene hier ohne Effekt bleiben
(2). Ob dies von Bedeutung ist, bleibt ebenfalls umstritten.
Es liegen widersprüchliche Ergebnisse darüber
vor, ob in der natürlichen Menopause Östrogengabe
die Koronarmortalität von Frauen senkt (5), auf
jeden Fall führt aber orale Östrogenzufuhr
bei Frauen nach Ovarektomie (vielleicht über den
gerade erwähnten Lipoproteineffekt) zu einer deutlichen
Senkung der koronaren Erkrankungen (einschließlich
tödlicher Herzinfarkte).
Während Östrogen im Rahmen einer antikonzeptiven
Gabe zu thromboembolischen Komplikationen führen
kann, ist dies für die Östrogensubstitution
im Klimakterium derzeit nicht belegt (3). Weder orales
noch transdermales Östrogen führt hier zu
Veränderung von Gerinnungsfaktoren (2). Hingegen
ist eine erhöhte Inzidenz von Endometriumcarcinomen
nach länger dauernder alleiniger Östrogenzufuhr
im Klimakterium gut belegt. Das Risiko soll bis auf
das 10fache steigen (6,7), so daß durch diese
Therapie das jährliche Risiko, an Endometriumcarcinom
zu erkranken, 1 - 3(!)% betragen soll (9). Durch eine
wohl zu freizügige Östrogentherapie in den
siebziger Jahren dürfte bei vielen Frauen diese
gravierende Nebenwirkung induziert worden sein. Inzwischen
hat man erkannt, daß dieses Risiko durch eine
zyklische Östrogen/Progesterongabe zu beherrschen
ist (7a). Bei entsprechender Indikation ist daher eine
solche Östrogentherapie im Rahmen der Menopause
zweckmäßig. Bei dieser Therapieform kommt
es bei vielen Frauen zu Abbruchblutungen, während
bei einer reinen Östrogentherapie fallweise Durchbruchblutungen
auftreten (3,10).
Eine alleinige dauernde Östrogentherapie, sei es
oral oder transdermal, ist bei bei Frauen nach Hysterektomie
vertretbar. Bei der transdermalen Therapie (für
jeweils drei Wochen) wird daher für die letzten
10-12 Tage ein orales Gestagenpräparat zugegeben.
Die als Vorteil hervorgestrichene bequeme Anwendung
des Pflasters wird dadurch zu einer eher komplizierte
transdermalen/Oralen Kombinationstherapie (8). Es ist
zu befürchten, daß die Compliance der Patientinnen
für diese zusätzliche orale Gestagengabe
schlecht sein wird, mit der Folge einer reinen transdermalen
Östrogenverabfolgung mit erhöhtem Carcinomrisiko.
Dies erscheint als eine voraussehbare negative Entwicklung,
die einen ernsten Einwand gegen die generelle Verwendung
des transdermalen Systems bei Frauen mit intaktem Uterus
darstellen könnte. Ob das transdermale System
sich so wie die orale Östrogengabe auch in der
wichtigen Prophylaxe und Therapie der postmenopausalen
Osteoporose bewährt, ist ebenfalls noch zu klären
(3a,4,8).
Wie bei allen Heftpflastern kann es bei Estraderm zu
Hautreizungen und/oder Kontaktdermatitis kommen. Angaben
über die Zahl der Patientinnen, die deswegen die
Therapie abbrachen, variieren von 1 bis 8% (1,8,3a).
Ob dieses Problem bei häufiger und längerer
Anwendung außerhalb der kontrollierten Studien
verstärkt auftritt, wird sich erst zeigen müssen.
Zwei kritische Publikationen stellen zu Estraderm fest:
"Estraderm verteuert die Behandlung erheblich und
birgt bei kunstgerechter phasischer Kombination mit
einem Gestagen Unbequemlichkeiten. Die FDA sieht in
der 1986 in den USA zugelassenen Neuerung keinen nennenswerten
Vorteil" (8).
"Es fällt deshalb schwer, Argumente zu finden,
welche die mit einer erheblichen Verteuerung verbundene
transdermale Östrogensubstitution rechtfertigen
würden" (1).
Aufgrund des oben Gesagten seien noch drei Fragen an
den Schlußgestellt: Wie wird das Risiko des Endometriumcarcinoms
sein, wenn die Frauen die unbequeme kombinierte transdermale/orale
Therapie nicht konsequent durchführen? Warum soll
man ein neues, teures System verwenden, wenn die Wirkung
bei Osteoporose und die Beeinflussung der Coronarmortalität
noch nicht sichergestellt sind? Ist es wirklich zweckmäßig,
bewährte Therapien zu verlassen, wenn eine neue
Verabreichungsform keine wirklich entscheidenden Vorteile,
möglicherweise sogar Nachteile, bringt?
Literatur:
(1) Pharmakritik 8, 17, 1986
(1a) Mün. Med. Wschr. 130, Sondernummer S1-76,1988
(2) N. Engl. J. Med. 314, 1615, 1986
(2a) Amer. J. Obstet. Gynecol. 156, 1326, 1987 (siehe
auch Mün. Med. Wschr. 130, S15, 1988
(3) Drugs 33, 95, 1987
(3a) Drugs 36, 383, 1988
(4) Arzneiverordnung 6, 61, 1987
(5) N. Engl. J. Med. 316, 105, 1987
(6) N. Engl. J. Med. 300, 218, 1979
(7) N. Engl. J. Med. 313, 969, 1985
(7a) Brit. Med. J. 298, 147, 1989
(8) Arzneitelegramm S36, 1988
(9) Adverse Drug Bull. 126, 472, 1986
(10) Amer. J. Obstet. Gynecol. 152, 1079, 1985
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Neu registrierte Präparate
Mesalazin (Claversal, Salofalk)
Die Indikation dieser
Substanz liegt bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen,
insbesondere der Colitis ulcerosa. Mesalazin ist der
Kurzname für 5-Aminosalicylsäure. Diese Verbindung
ist auch im bereits lange bei Colitis ulcerosa verwendeten
Salazosulfapyridin (Salazopyrin) enthalten und wird
im Darm aus dieser Verbindung zusammen mit dem Sulfonamid
Sulfapyridin freigesetzt.
Nebenwirkungen des Salazosulfapyridins waren zumindest
teilweise auf die Sulfonamidkomponente zurückzuführen,
während Mesalazin mehr für die Wirkung verantwortlich
schien. Daher wird nun die Monokomponente Mesalazin
eingesetzt (1,2).
Zur Bewertung dieser Substanz sei ein Kommentar aus
der unabhängigen Schweizer Pharma-Kritik (2) zitiert:
"Die - spärlichen - bisherigen Studienergebnisse
lassen annehmen, daß Mesalazin (Claversal, Salofalk)
für die Therapie und Rezidivprophylaxe der Colitis
ulcerosa so wirksam ist wie Sulfasalazin (Salazopyrin),
ein positiver Effekt beim Morbus Crohn ist bislang
nicht gesichert. Zudem wird Mesalazin offenbar von
einigen Patienten besser vertragen als die Standardsubstanz.
Solange aber ein Patient Sulfasalazin gut toleriert,
ist es nach der heutigen Einschätzung nicht sinnvoll,
zur Rezidivprophylaxe auf eines der neuen Präparate
zu wechseln. Kontrollierte Vergleichsstudien mit Sulfasalazin
sind kaum vorhanden, und angesichts der Hinweise aus
Tierversuchen ist zu wenig untersucht, wie sich eine
längerdauernde Erhaltungstherapie mit Mesalazin
auf die Nieren auswirkt. Diese Vorbehalte gelten weniger
für die rektalen Mesalazin-Verabreichungsformen,
die bei akuten Colitis-ulcerosa-Schüben eine wertvolle
Alternative zu Sulfasalazin zu sein scheinen.
Literatur:
(1) Medical Letter 30, 53, 1988
(2) Pharma-Kritik 10, 17, 1988
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Naturheilmittel versus Schulmedizin
Im folgenden werden
zwei neu registrierte Naturheilmittel (Phytodolor:
nächste Pharmainfo: Zintona) diskutiert. In diesem
Zusammenhang sollen einige Bemerkungen zu der häufigen
Behauptung gemacht werden, die Schulmedizin sei nicht
an Naturheilmitteln interessiert. Diese Behauptung
ist vor allem deswegen ungerechtfertigt, weil zahlreiche
unserer wichtigsten Medikamente aus der Natur kommen.
Denken wir nur an Morphin, Curare, die Herzglykoside,
Reserpin und die meisten Antibiotika. Wann immer irgendwo
in der Natur eine aktive Pflanze oder ein Pilz gefunden
wurden, hat seit vielen Jahrzehnten die pharmazeutische
Industrie versucht, das Wirkungsprinzip zu definieren
und isolieren. Beim heutigen Konkurrenzdruck am Pharmamarkt
ist anzunehmen, daß eine solche Suche sehr effektiv
war und ist und gerade für neue Antibiotika sind
z.B. unzählige Bodenproben auf Wirkstoffe enthaltende
Pilze untersucht worden.
Wenn eine Pflanze bei einer Erkrankung eine belegte
Wirkung entfaltet, dann ist zu fordern, daß der
Wirkstoff extrahiert, konzentriert und schließlich
definiert wird, wie das bereits so oft geschehen ist.
Damit erreicht man zweierlei: eine Wirkungsverstärkung,
da das Agens rein vorliegt und damit höher dosiert
werden kann, ohne daß man Nebenwirkungen von
zusätzlich vorhandenen Stoffen fürchten muß.
Weiters erzielt man eine verläßliche Dosierungsmöglichkeit:
wenn nur ein Pflanzenextrakt zur Verfügung steht,
ohne daß man den Wirkstoff genau kennt, kann
z.B. niemand garantieren, daß je nach Standort
der Pflanze und anderen nicht kontrollierbaren Veränderungen
bei der Extraktion der Wirkstoff im Endprodukt in jeweils
gleicher Konzentration vorliegt. Daher würde heute
niemand mehr Digitalisblätterpulver zur Herztherapie
verwenden. Wenn also heute ein sogenanntes Naturprodukt
auf den Markt kommt, zeigt dies, daß die produzierende
Firma ihre Aufgabe noch nicht erfüllt hat. Vor
allem kann man den Verdacht nicht entkräften,
daß vielleicht gar kein definierter Wirkstoff
in diesem Mittel enthalten ist und die Wirkung sich
nicht einmal sicher belegen läßt. Wir haben
so viele gute Medikamente aus der Natur erhalten, es
werden sicherlich noch mehr werden, nur müssen
diese neuen Mittel einer kritischen Überprüfung
standhalten.
Es wird auch immer wieder behauptet, Naturheilmittel
fallen durch geringe Nebenwirkungen auf. Allerdings
wird das Nebenwirkungspotential von Pflanzen und Tees
immer wieder unterschätzt und Vergiftungen sind
nicht so selten (siehe bei 1. Eichler, ÖÄZ
39, 869, 1984). Wenn aber behauptet wird, eine Substanz
wäre gegen eine Erkrankung wirksam, hätte
aber absolut keine Nebenwirkungen, dann ist größte
Skepsis angebracht. Jede Wirkung ist nun einmal ein
Eingriff in ein biologisches System und kann daher
durch dessen Veränderung auch unerwünschte
Wirkungen, also Nebenwirkungen hervorrufen. Der Grundsatz,
daß Substanzen ohne Nebenwirkungen auch kaum
wirken können, ist durch eine lange Erfahrung
belegt.
Bei der Bewertung der folgenden neu registrierten Präparate
war auffällig, daß vor allem nur unveröffentlichte
Studien vorlagen, um die Wirkung zu beweisen. Solche
Studien sind weniger verläßlich, da der
Autor erst bei der Veröffentlichung, vor allem
bei guten Zeitschriften, der Kritik durch Kollegen
und Editors ausgesetzt wird. Weiters legt er sich bei
der Publikation öffentlich fest und geht das Risiko
ein, daß er durch falsche Daten seinen Ruf als
Wissenschaftler oder Arzt schädigt. Daher zeigt
sich immer wieder, daß für gute Medikamente
zahlreiche publizierte Studien die Wirkung belegen.
Es erschiene uns sehr zweckmäßig, wenn die
Registrierungsbehörde im Rahmen des Zulassungsverfahrens
besonders auf veröffentlichte Studien bestände.
Phytodolor
Dieses als Antirheumaticum zugelassene Präparat
enthält einen alkoholischen Extrakt aus Eschenrinde,
Zitterpappelblatt und Goldrutenkraut. Das Pappelextrakt
ist auf 1,25 mg/ml Salicylalkohol standardisiert, die
Eschenrinde auf Isofraxidin (1,0 mg/ml), bei Goldrutenkraut
ist keine Standardisierung angegeben. Analgetische
und antiphlogistische Wirkungen werden auf Salicin
und Flavonoide in diesen Pflanzen zurückgeführt.
Salicin soll über Salicylalkohol zur Salicylsäure
führen, deren antiphlogistische Wirksamkeit bekannt
ist. Bei der Therapie mit bis zu 4 ml werden aber nur
bis zu 5 mg Salicylalkohol zugeführt. Die therapeutisch
wirksamen Dosen von Salicylsäure liegen aber im
g-Bereich, wobei dann allerdings auch die charakteristischen
Nebenwirkungen dieser Substanz (z.B. Magenbelastung)
auftreten. Es ist also ein eklatanter Widerspruch in
der Argumentation für Phytodolor, daß Salicin
eines der wirksamen Prinzipien darstellen soll, Nebenwirkungen
bei diesem Präparat eher nicht beobachtbar seien.
Tatsächlich sind bei der in diesem Präparat
vorhandenen Konzentration von Salicylalkohol weder
Wirkung noch Nebenwirkungen zu erwarten. Es wird behauptet,
daß Phytodolor im Tierversuch deutlich antiphlogistische
Effekte zeigte, und zwar als Kombination besser als
bei Testung der Einzelkomponenten (welche?), worüber
allerdings keine bewertbaren veröffentlichten
Daten vorliegen. Wenn Salicylalkohol aufgrund der niederen
Konzentration nicht der Wirkstoff sein kann, dann müssen
also, wenn tatsächlich eine Wirkung auftritt,
andere Wirkstoffe vorliegen. Diese sind nicht definiert,
pharmakologisch bleibt also eine mögliche Wirkung
dieses Präparates obscur. Wie ist nun die klinische
Wirksamkeit zu bewerten? Hier wurden von den Firmen
mehrere Stellungnahmen und Berichte vorgelegt, allerdings
ist nur sehr wenig objektiv Auswertbares dabei. Eine
im Forum Dr.med. veröffentlichte Studie von S.
Speders (Heft 7-8, 1988) ist ohne Vergleich mit Placebo
oder einer anderen Substanz durchgeführt und daher
nicht aussagekräftig.
Eine weitere unveröffentlichte Studie (W. Schadler)
testete doppelblind die zusätzliche Einnahme von
Diclofenac in einer Phytodolor- bzw. Placebogruppe.
In der ersten Woche war der Verbrauch von Diclofenac
in der Phytodolorgruppe 26 Tabletten, in der Placebogruppe
35, was als signifikante Wirkung von Phytodolor dargestellt
wurde. In der zweiten Woche wurde allerdings ein cross-over
durchgeführt. Am Ende war der Tablettenkonsum
in der Phytodolor- und Placebogruppe mit 22 und 23
praktisch ident. Da nicht anzunehmen ist, daß
Phytodolor länger als eine Woche wirkt, unterstützen
die Daten in der zweiten Woche nicht das Vorliegen
einer Phytodolorwirkung. In einer weiteren Studie von
F. Schreckenberger wurden bei Epicondylitis lateralis
die Wirkungen von Phytodolor und Placebo (doppelblind)
und von Diclofenac (einfachblind) an jeweils 15 Patienten
untersucht. Dies scheint die einzige Studie zu sein,
in der für die Behandlung von rheumatischen Beschwerden
wichtige objektive Parameter (siehe Pharmainfo 2,3)
wie Druckschmerz bei konstantem Druck und Schmerz bei
maximaler Extension bestimmt wurden. Die vorliegende
Studie hat aber einen entscheidenden Fehler. Die Ausgangslage
der Patienten vor der Behandlung war offensichtlich
nicht gleich, da in der Placebogruppe mehr Patienten
mit starkem Schmerz und mit bereits geringerer Faustschlußkraft
vorlagen. Ein Problem, das bei Randomisierung von relativ
kleinen Gruppen immer wieder auftreten kann. So stieg
zwar unter Phytodolor die Faustschlußkraft von
91 auf 113 kg, in der Placebogruppe mit offensichtlich
kränkeren Patienten vom niedrigeren Wert 72 auf
87 kg. Bei den Schmerzen war es ähnlich: in der
Phytodolorgruppe ist ein Abfall von 5,7 auf 1,3 in
der Placebogruppe von 6,3 auf 2,6. Solche Daten erlauben
keine zwingenden Schlüsse. Auffällig ist
auch die kurze Testung der Substanzen über Wochen,
die über eine chronische Rheumatherpie (Monate)
nichts aussagt. Diese gerade diskutierten und noch
einige andere noch weniger verläßliche Studien
sind nicht ausreichend, um eine Phytodolorwirkung zu
belegen. Wir haben bewußt den etwas mühsamen
Weg gewählt, die wichtigsten von der Firma vorgelegten
Studien zu diskutieren, um unsere Schlußfolgerungen
nachvollziehbar zu machen. Phytodolor ist vom pharmakologischen
Standpunkt weder chemisch noch bezüglich der Wirkstoffe
ausreichend definiert, die klinischen Studien reichen
offensichtlich nicht aus, um eine antirheumatische
Wirkung dieser Substanz zu belegen. Es erscheint überraschend,
daß die Registrierungsbehörde aufgrund der
oben diskutierten (fast ausschließlich unveröffentlichten)
Befunde dieses Präparat zugelassen hat.
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Mittwoch, 13-November-96
Fischer-Colbrie@uibk.ac.at